sculptor & sound artist

Clemens Ottnad, Schloss Neuenbürg 2023

Mehr Rauschen

Rauschen umgibt uns überall. Ein unregelmäßiges, hell glucksendes Rauschen, wenn sich im Gebirge ein Gewässer seinen Weg zwischen rundgewaschenem Gestein ins Tal hinunter sucht, ein monotones, dumpfes Rauschen vom nicht abreißen wollenden Autoverkehr anderswo, das sich unaufhörlich weit über die Landschaft legt. Noch nachts, wenn wir etwa mit dem Kopf auf dem Oberarm schlafen, können wir das Blut beharrlich leise pulsierend durch unsere Adern rauschen hören. Ein vorübergehendes Ohrensausen für die einen nur harmlos, das andauernde Dröhnen und Zischen eines quälenden Tinnitus als Krankheitssymptom einer modernen Leistungsgesellschaft dagegen für die anderen bedrohlich. Im Weltraum sogar das durch und durch unendliche Rauschen zuletzt, die vielbesagte kosmische Hintergrundstrahlung als das niemals wirklich abklingende Echo des Urknalls, verantwortlich für die Entstehung unserer Erde. Die absolute Stille ein bloßer Mythos.

Geräusche – die sie umgebenden Hörwelten1 – dienen der Bildhauerin Mirja Wellmann als entscheidender Ausgangspunkt ihrer skulpturalen Transformationen. An konzeptuell festgelegten und exakt berechneten Orten – in der Natur, im urbanen Umfeld, in allen nur denkbaren Innenräumen – fertigt sie in hochkonzentrierten, vielstündigen Sitzungen ihre Hörmanuskripte und Protokolle an, in denen alles akustisch Wahrgenommene minutiös aufgezeichnet ist. Mittels verschiedener künstlerischer Ausdrucksmedien übersetzt Mirja Wellmann diese – in einem Raum-Zeit-Kontinuum an und für sich linear entstandenen – Aufzeichnungen im Atelier in dreidimensionale Objekte aus Holz, Kunststoff oder Metall. Sie versieht ebenso Leinwände mit mannigfach übereinander gelagerten Schriftbildern wie sie aus selbstgeschnitzten Holzstempeln – bis an und über die Grenze der Lesbarkeit hinaus – komplex verdichtete Bilderschriften anlegt. Mal sind die formgebenden Einzelelemente der Motive, Worte, Chiffren und Signets mehr oder weniger isoliert voneinander als solche deutlich zu entziffern, mal lösen sie sich in allumfassende Zeichentumulte eines simultanen Geschehens auf. Die sehr viel ausgeprägtere Aufnahmefähigkeit des Menschen vieler verschiedener, gleichzeitig eintreffender akustischer Reize gegenüber der eher reduzierten Verarbeitung mehrerer optisch-visueller Eindrücke stellt in diesen Übersetzungsprozessen eine besondere Herausforderung dar.

Nicht umsonst werden aus diesem Grund die plastischen Objekte von Mirja Wellmann – allen voran die in fragilen Liniensegmenten zusammengeballten Hörnester – aus einiger Entfernung und auf den ersten Blick häufig zunächst als ungegenständliche Gebilde wahrgenommen. Erst in der allmählichen Annäherung erschließen sich sukzessive die ihnen zugrundeliegenden Einzelformen, die von der Künstlerin schablonenartig aus Sperrholz oder anderen Materialien ausgesägt, teils schwarz oder farbig gefasst und ineinander verfügt werden: Schreitende oder Sitzende Figur; Hund, Vogel, Kuh; Auto, Fahrrad, Flugzeug; Wassertropfen, Baumzweig, Laubblatt; und vieles andere mehr, das uns an vielen verschiedenen Orten und im Alltag zu umgeben pflegt. Aus dem Rauschen des Vielen zusammen klärt sich so Zug um Zug das einzelne Bild und der individuelle Klang des jedem Wesen und Vorkommen Eigenen. Die Zeit wird entschleunigt, die Dingewelt entwirrt.

An anderer Stelle erscheinen die meist in Weißtönen gehaltenen Zeichengeflechte wie aus einem soeben erst geöffneten Raum oder Gefäß aus geschwärztem Holz geschlüpft zu sein. Bis dahin Unbekanntes – ungehört und unerhört zugleich – entfaltet sich, Form dringt nach außen und generiert, wenn schon nicht Geräusche, so doch ein inwendig hörbares visuelles Rauschen. Genauso stellen die stilisierten schwarzen Körpersilhouetten oder Kopfformen (unter besonderer Betonung der Ohren) eine Art menschlicher Gefäße dar, denen die Künstlerin kurzerhand ein vielfarbiges und ganz persönliches Innenleben aus Geräuschbildern, Tönen und Klängen einverleibt hat.

Naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden vergleichbar zoomt Mirja Wellmann jedoch auch Einzelformen riesenhaft nah heran, als ob sich diese aus den über und über kumulierten Formnestern verselbständigt hätten. Gerade noch fast unkenntlich wachsen sich als nebensächlich angesehene Chiffren, Morphe und andere Bestandteile eines sehr viel umfassenderen Textes und Kontextes unversehens zu skulpturalem Großformat aus. Als raumgreifende Installationen belagern sie ab sofort die Ausstellungsarchitekturen und fordern den sie Betrachtenden die unbedingte Konzentration auf ihr so eigenes Wesen und Sein ab. Ein allerdings nicht weniger poetischer Raum als in den zuvor engmaschig verklausulierten Zeichenverstecken der Hörnester entsteht, wenn sich jene ganz in Schwarz gefassten Tau- oder Tränentropfen leicht melancholisch an die ungeschlacht gemauerten Wände des betreffenden Schauraumes schmiegen. Übergroße Lindenblätter und kleingeschnittenes Geäst verstehen da noch im finstersten Gewölbe die Elementarkräfte der Natur heraufzubeschwören.

Auf Sockeln und über Sockeln jedenfalls schwebend, vom Fußboden emporragend, lapidar an den Wänden hängend oder in fast himmlischen Anmutungen von der Decke herab schwebend behaupten die Arbeiten von Mirja Wellmann eine ganz eigene Sinnermächtigung des je für sich Gehörten und Gesehenen. Sie können relative Stille und Lärm zugleich sein, meditativer Rückzug aufs Land und metropolisches Lost in Einem. Die eigentlich aber überhaupt nicht greifbaren akustischen Merkmale nehmen in Hölzern und anderen Materialien zunächst flächige Form an und erhalten erst durch ihre Vergemeinschaftung untereinander ein tatsächlich plastisches Körpervolumen. Über ihre feingliedrigen Linienwerke und die umrisshaften Silhouetten erwecken sie umgekehrt zugleich dennoch einen durch und durch immateriellen Eindruck. Selbst noch die Schattenwürfe, die die Arbeiten im jeweiligen Ausstellungsraum an den Wänden ausbilden, weisen auf den leicht vergänglichen Widerhall eines jeden Lichtechos hin.

In ihrer Dankesrede anlässlich der Verleihung des Clemens-Brentano-Preises 2022 zitierte die damit ausgezeichnete Essayistin Hanna Engelmaier Clemens Brentanos Wiegenlied (um 1806) und verwies auf die ausgeprägte „Textverwertungsbegabung“2 des romantischen Dichters. In seinem lediglich aus zwei Strophen bestehenden Gedicht greift Brentano nämlich eine Briefpassage des von ihm besonders geschätzten Schriftstellers Wilhelm Heinse auf, in der letzterer einen Besuch in Heidelberg beschrieben hatte. Der darin enthaltenen Abfolge Heinse‘scher Verben „[Ich hörte] murmeln, flüstern, rieseln“3 stellt Brentano in seinem Gedicht ein viertes lautmalerisches voran: „Singt ein Lied so süß gelinde, / wie die Quellen auf den Kieseln, / wie die Bienen um die Linde / summen, murmeln, flüstern, rieseln.“4 Was über viele Epochen hinweg bis in die Gegenwart sowohl für Hanna Engelmaier in ihrer Eigenschaft als Autorin als auch für Mirja Wellmann als Bildhauerin gleichermaßen gilt, ist die entscheidende Bedeutung von Hören und Gehört-Werden. „Fürs Texte machen kenne ich jedenfalls kein erfrischenderes Bild als das, Quellen über Kiesel rieseln zu lassen und ihnen dabei zuzuhören; keine befriedigendere Vorstellung als das Summen eines Satzes, bis er richtig klingt; keine überzeugendere Lautstärke für das Bekennen des Allereigensten als das Flüstern und keinen größeren Trost als bei all dem durch ein Murmeln begleitet zu werden: Da ist ja wer, ich kann’s doch hören.“5


Clemens Ottnad


1    Mirja Wellmann, Hörwelten, Ausstellung Kunstverein Marburg 01.07. – 18.08.2016
2    Hanna    Engelmeier, summen, murmeln, flüstern, rieseln – Dankesworte anlässlich der     Verleihung des Clemens-Brentano-Preises der Stadt Heidelberg am 22.06.2022, zit. nach:     https://www.heidelberg-    fluechtlinge.de/site/Heidelberg_ROOT/get/documents_E198414300/heidelberg/Objektdatenba    nk/41/PDF/Brentano-Preis/41_pdf_Dankesrede_Engelmeier_Brentano-Preis%202022.pdf, S.3
3    zit. nach: Wilhelm Körte, Briefe deutscher Gelehrten aus Gleims literarischen Nachlasse, Briefe     zwischen Gleim, Wilhelm Heise und Joh. von Müller, Bd. 1, 1806, S.429
4    vgl. Hanna Engelmeier, ebd., S.2-3
5    vgl. Hanna Engelmeier, ebd., S.3

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