sculptor & sound artist

NoiseTalk - Hörkunststück



Klangkunst Hörstücke


Rhythmisierung und Verortung des Menschen durch Geräusche in unserem Lebensraum. Vertonter Live-Dialog der Künstlerin Mirja Wellmann mit der Klanglandschaft der schwäbischen Alb an fünf ausgesuchten Orten.

Ich untersuche seit vielen Jahren professionell, fast wissenschaftlich das Phänomen des Hörens, die Akustik und den Raum. Dabei erstelle ich Hörmanuskripte oft über Stunden und Tage von Orten, erkunde die Wege des Geräuschverursachers zum Ohr, erforsche Klänge und deren Begrifflichkeiten. Die Erfahrungen fließen ein in meine Skulpturen und Klangarbeiten.

In der Arbeit NoiseTalk trete ich mit meinem Gehör und Stimme live vor Ort in Kommunikation mit den Geräuschen des dörflichen Lebensraumes und der Natur. Im Zuhören auf die Geräusche, nehme ich Zusammenhänge wahr, die mich als Menschen rhythmisieren und verorten. Da kräht beispielsweise immer kurz bevor die Kirchenglocke läutet der Hahn und nimmt so unmittelbar Bezug zu seiner akustischen Umgebung auf und damit auch zu meiner (hörbar im ersten Hörstück von NoiseTalk „Schneefall Mehrstetten“). Der Hahn als Rhythmusgeber verbindet sich hier mit der Kirchenglocke; ein Phänomen, dass ich vielerorts gehört und erlebt habe. Das ist nur ein Beispiel von vielen; Rhythmen gestalten unsere akustische Welt. Dies alles geschieht meist unbewußt.

Die Aufnahmen fanden an fünf ausgesuchten Orten auf der Schwäbischen Alb statt: In meinem Heimatdorf Mehrstetten und rund um das Lautertal, wie an der Lauterquelle in Offenhausen, auf der Burg Hohengundelfingen, in Gundelfingen Dorf und dem Reichartsberg. Zwei Tontechniker mit ihrer Gerätschaft, wie Mikrofonen und Aufnahmegeräten, begleitetn mich. Alles wurde vor Ort aufgenommen; wie ich performativ mit meiner Stimme auf die gehörten Geräusche reagiere und die Umgebungsgeräuche selbst als Field Recording.


Shop und Hoerprobe bitte dem Link flavoredtune.de folgen: http://www.flavoredtune.com/productions/mirja-wellmann-noise-talk

Tracks:

A_01_Schneefall_Mehrstetten 4:23
A_02_Brücke_Gundelfingen 3:07
A_03_Feuer_Reichartsberg 3:31
A_04_Laueterquelle_Offenhausen 4:09
A_05_Eiche_Hohengundelfingen 5:35

(photos by Wolf Nkole Helzle)

 

NoiseTalk Rauminstallation

Rauminstallation: Schallplattenspieler, Lautsprecher oder Kopfhörer, schwarze Hocker

 

Linernotes Cover NoiseTalk von Peter Kiefer:

Was bedeutet eigentlich der Begriff Zuhören?
Unseren Hörsinn nutzen wir alle tagtäglich und es erscheint völlig selbstverständlich: das Smartphone meldet sich akustisch, Ansagen auf dem Bahnhof vermelden Verspätungen, in der Straßenbahn werden wir mit einem penetranten Piepton vor dem Schließen der Türe gewarnt. Hören navigiert uns durch unsere Welt - ist aber eigentlich eine Nebensache, ein Surplus in unserer visuell dominierten Welt, die auf etwas anderes verweist.

Vielleicht bedarf es deshalb einer Künstlerin, die Spezialistin für das ZU_Hören ist, die ganz ihre Ohren öffnet und sich einer Klangumwelt über Stunden ausliefert, sich in dieser verliert und dennoch den Weg ihrer Hörerfahrungen akribisch dokumentiert.
Mirja Wellmann ist diese Expertin der bewussten auditiven Wahrnehmung, dennoch nutzt sie die gleichen Ohren wie wir alle. Allerdings setzt sie diese als Mittel Ihrer Kunst ein, die für die Welt der Klänge sensibilisiert. An erster Stelle steht für sie das konzentrierte, achtsame Hinwenden zur Hörerfahrung  - hier speziell in der ‚unberührten’ Natur der Schwäbischen Alb. Diese Erfahrung ist und wird immer eine sehr intime, persönliche und zeitbezogene sein; denn wir stehen immer im Mittelpunkt unserer eigenen Hörwahrnehmung und dieses im Ichsein ist nicht unmittelbar mitteilteilbar. Mirja Wellmann nutzt nun Ihre Stimme zur Vermittlung dieser Erfahrung und fokussiert unsere Aufmerksamkeit in und auf Orte, die wir nicht kennen. Sie hat für uns Räume und Situationen in einer Klangexpedition erforscht und lädt uns ein, an ihrer Stelle stellvertretend an diesem Ort Platz zu nehmen und unsere Ohren zu öffnen – mehr noch – unser Selbst zu öffnen. Wichtigste Grundlage dazu ist Unvoreingenommenheit: wir nehmen hörend die Welt war, ohne Werten und Kommentierung. In dieser Offenheit hinein hören wir die Klänge und hören die Stimme Mirja Wellmanns als eine Art Echo in der Zeit, welches Mirjas Hörerfahrung widerspiegelt.
Was könnte man über diesen wunderbar berührenden Prozess in all seine Poesie nicht alles sagen, welche Philosophen könnten wir zitieren und welche ästhetischen Konstrukte aufbauen...
Lassen wir das doch beiseite und öffnen wir einfach unsere Wahrnehmung für fallenden Schnee, für knisterndes Feuer, schwebende Vögel und rasselndes Eichenlaub und erfahren all die Schönheit und Aufrichtigkeit der Wahrnehmung, die sich so eben nur über das ZU_Hören mit bewussten Sinnen vermittelt.
Danke Mirja, dass Du uns auf Deine Suche mitnimmst und Deine Ohren für uns geöffnet hast!


Peter Kiefer